Freischaffende und Gewerkschaften - Solidarität und Service
Selbständige, Freie als Mitglieder in einer
Gewerkschaft - bringt's das? Die Antwort lautet: Ja, für alle Beteiligten.
Dennoch: Daß
nicht jeder, der etwas unternimmt, ein Unternehmer, nicht jeder ohne
Festanstellung ein Chef ist - das hat sich noch unzureichend herumgesprochen.
Diejenigen "Freien", die es "geschafft haben" und etwa im Fernsehbereich
fünfstellige Monatshonorare einfahren, niemals mit festangestellten
Redakteuren tauschen würden, dienen Vorbehalten gegen
"Besserverdienende" gern als Grundlage. Sehr viele freiberufliche
Journalisten sind allerdings
sehr schlecht bezahlt
und dabei oft abhängig von nur
einem Auftraggeber - eigentlich sind sie pseudoselbständige Arbeitnehmer dritter
Klasse (weil die soziale Absicherung vergleichsweise gering ist).
Viele freiberuflich arbeitende Kollegen sehen sich dennoch "nicht mehr
in erster Linie als quasi industriell organisierte und abhängige Angestellte,
die in einem natürlichen Interessengegensatz zum Medienkapital stehen",
weiß man bei der Hamburger Journalistenfachgruppe der IG Medien.
Von deren 1600 Mitgliedern waren 1995 bereits mehr als die Hälfte freiberuflich
tätig. "Wenn wir nicht wollen, daß uns diese Kolleginnen und Kollegen
für die gewerkschaftliche Arbeit verloren gehen, müssen wir die Inhalte,
Projekte und Zielsetzungen unserer Arbeit in weiten Teilen neu bestimmen", hat man
in Hamburg erkannt.
Die Konsequenz war der Versuch, aus einer von
acht "Fachgruppen" einer
Einheitsgewerkschaft einen eigenständig handelnden, dabei gewerkschaftlich
orientierten Berufsverband zu machen, bei dem Service für die Mitglieder im
Vordergrund steht. Der Ausgang ist offen.
Derart "ketzerische" Ideen sorgen aber
immer wieder für heftige gewerkschaftsinterne Diskussionen. Tatsache ist:
Dienstleistungen haben der Solidarität derzeit den Rang abgelaufen, besonders bei den jüngeren
Mitgliedern.
Eine Umfrage vor zwei Jahren ergab bei der Hälfte der Befragten
in der IG Medien: "Die Gewerkschaft hat für mich hauptsächlich
Service-Funktion."
Besonders von freien KollegInnen wird oft die Frage gestellt, was denn,
bittschön, eine
Mitgliedschaft in der IG Medien überhaupt "bringe"?
Beratung, Information und Tarifverträge, kurz: mehr Geld.
Und nebenher vielleicht und hoffentlich eine Menge politische Denkanstöße. Damit keine Missverständnisse auftauchen:
Ohne gemeinsame Aktionen, ohne Streiks u.ä. wäre eine Gewerkschaft machtlos. Gemeinsames
Handeln bildet nach wie vor die wichtigste Grundlage zur Durchsetzung gewerkschaftlicher
Ziele. Doch zurück zum Service:
<p>
Eine gefragte Serviceleistung der IG Medien für ihre freischaffenden Mitglieder
ist der mehr als 200seitige
Ratgeber Freie
voller Tips für die
tägliche Berufspraxis, Hinweise auf wichtige Steuervorschriften, Vertragsklauseln und gesetzliche Regelungen. Angeregt wurde die Produktion des Ratgebers von der Bundeskommission Freie. Über dieses Gremium sind Freie fachgruppenübergreifend auch im Hauptvorstand der Gewerkschaft repräsentiert.
Beliebt sind auch Seminare für Freie. Sie werden auf Bundes- wie auf
Länderebene angeboten. Besonders gefragt: Seminare zu Steuer-, Urheber- oder
Verlagsrecht oder zur Sozialversicherung. "Überleben für Freie -
Wissenswertes aus dem Bereich Marketing und Medienarbeit" - solche Themen finden
regen Zulauf.
Aber auch wenn der "Ratgeber Freie" zu den allermeisten Problemen
der freien Medienschaffenden Stellung nimmt - die gewerkschaftliche Rechts- und
Berufsberatung kann und soll er nicht ersetzen. In manchen Landesbezirken hat die
IG Medien inzwischen telefonische "Sprechstunden" für Freie -
"Rat-und-Tat-Telefone" - eingerichtet, um dem gestiegenen Beratungsbedarf besser
Rechnung tragen zu können. Erfahrene, teils auch speziell geschulte freie
KollegInnen stehen Rede und Antwort. Das Spektrum der Fragen reicht von
Honorarproblemen bis hin zu Haftungsunklarheiten bei Unfällen. Sind die
Fragen komplizierter, werden sie zuvor per Fax oder auch E-Mail übermittelt,
damit sich die antwortenden KollegInnen vorbereiten können. Notfalls
wird kurzfristig bei einem Spezialisten nachgefragt.
Die Entscheidung, Beratungsdienste für Freiberufler einzurichten war umstritten
und nicht leicht umzusetzen. Auch jetzt noch werden immer wieder "Vollzugsdefizite"
beklagt. Immerhin: In Nordrhein-Westfalen werden regelmäßige
Beratungstermine seit nunmehr drei Jahren angeboten, und auch in Bayern gibt es
bereits längere Erfahrungen. Inzwischen gibt es dort eine eigene
Homepage für (bayrische??) Freie JournalistInnen.
Wie notwendig diese Beratungsleistung der IG Medien
ist läßt sich in den Freien-Sprechstunden leicht feststellen:
Künstlersozialkasse (KSK)? Unbekannt. Dabei konnte mit der KSK nach
hartnäckigem gewerkschaftlichen Drängen eine bundesweite Pflichtversicherung
für freie künstlerische Berufe durchgesetzt werden, die eine Art
"Arbeitgeberanteil" für den Renten- und Krankenkassenbeitrag übernimmt.
Viele Fragen der freiberuflichen Gewerkschaftsmitglieder verlangen eine schnelle
Klärung. Hier helfen
Hauptamtliche
weiter. Bis zu fünf freie KollegInnen läuten täglich allein beim
geschäftsführenden
Landesbezirksvorstand der IG Medien in
Baden-Württemberg an.
"Wir müssen uns immer so verhalten, daß die Geschäftsbeziehung mit
dem Verlag weiterläuft", lautet ein Freien-Credo. Es macht gewerkschaftliche
Arbeit nicht einfacher. Versuchen Freie, ihre Rechte durchzusetzen, stehen sie
schneller als Festangestellte vor dem Problem, sich einen anderen Arbeit- bzw.
Auftraggeber suchen zu müssen. "Wer da mitgemacht hat, bekommt kein Volontariat"
- diese Aussage eines süddeutschen Lokalzeitungsverlegers nach einer Aktion
der Freien gegen Honorarkürzungen kann als symptomatisch gelten.
Freie sind "Rangiermasse der Verleger", werden "als billige Reservearmee benutzt",
klagen hessische Journalisten. Eine Armee freilich ist in der Regel organisiert -
und genau daran hapert es in der Regel bei den Freien. Es gibt zwar hie und da
Freien-Stammtische wie in
Köln,
oft allerdings nur gewisse Zeit, dann schläft das Interesse
wieder ein. "Von oben" ist Freienarbeit nicht zu etablieren, diese Erfahrung der
Münchner Fachgruppe bei der Einrichtung eines Stammtischs ist übertragbar.
Die Initiative muß von den Freien selbst kommen und das geschieht auch - oft
allerdings erst, wenn es richtig "brennt".
Betriebsräte sind beim Thema "Freie" oft (noch?) wenig hilfreich. Bereits mit den
Problemen der Festangestellten mehr als genug ausgelastet kümmern sie sich
bestenfalls auf Anfrage um Freien-Fragen. Oft wissen sie nicht einmal, daß sie
für die freiberuflichen KollegInnen zumindest in soweit zuständig sind, wie
es um die Einhaltung von Tarifverträgen im Betrieb geht.
Solche Tarifverträge für Selbständige gibt es beispielsweise für
"arbeitnehmerähnliche" Personen beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk, im
Bereich der Design-Studios oder bei Tageszeitungen. Arbeitnehmerähnlich, das
bedeutet zwar selbständig sein, gleichzeitig aber abhängig von einem einzigen
Arbeitgeber und somit "sozial schutzbedürftig" zu sein. Damit ist - trotz
Selbständigkeit - eine Voraussetzung für einen Tarifvertrag erfüllt,
wie er etwa für "arbeitnehmerähnliche Journalistinnen und Journalisten an
Tageszeitungen" existiert.
Als sehr hilfreich empfanden viele freie KollegInnen
die Ergebnisse von Honorarumfragen der IG Medien. Damit waren zumindest
Anhaltspunkte gegeben, wieviel
Honorar
verschiedene Tageszeitungen quer durch die
Republik zahlen, ein gegenseitiges Unterbieten der Freien wird damit schwieriger.
Ähnliches gibt es auch für
Fotohonorare.
Ebenfalls nützlich: die
Honorarempfehlung Text
für freie journalistische
Arbeit", herausgegeben von der "Mittelstandsvereinigung Journalismus". Sie soll
hauptberuflichen JournalistInnen als Orientierung bei Vertragsverhandlungen und
Honorierung dienen. Die Mittelstandsvereinigung wurde 1995 gegründet, weil
sich Selbständige nur unter bestimmten Bedingungen gewerkschaftlich organisieren
dürfen. Innerhalb der IG Medien wird deshalb teils bereits gefordert, die
gesetzlichen Grundlagen zu ändern und den Arbeitnehmerbegriff zu erweitern.
Axel Weiß
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