Das folgende Essay erschien in leicht veränderter Form in der September-Ausgabe der Zeitschrift "Mitbestimmung" der Hans-Böckler-Stiftung. Der Autor ist Mitglied im Vorstand der Fachgruppe Journalismus in der IG Medien Baden-Württemberg.

Freischaffende und Gewerkschaften - Solidarität und Service

Selbständige, Freie als Mitglieder in einer Gewerkschaft - bringt's das? Die Antwort lautet: Ja, für alle Beteiligten.

"Wenn alle Arbeitnehmer wären", meinte kürzlich ein Gewerkschaftskollege bei einer Diskussion über Telearbeit und die Zukunft der Arbeit, "dann wäre doch alles in Ordnung, oder?!" Vielleicht. Aber es ist müßig, solchen Gedankenspielen weiter nachzuhängen. Vergangenheit. Beispiel Medienbereich. In der Fachgruppe Journalismus (dju/SWJV) in der IG Medien stellen Selbständige inzwischen fast die Hälfte der Mitglieder. 8000 von 18 000 Journalistinnen und Journalisten im Printbereich arbeiten freiberuflich. Viele von ihnen sind in den Ortsvereinen der IG Medien, in Fachgruppen, auf Landes- oder Bundesebene gewerkschaftlich aktiv.

Dennoch: Daß nicht jeder, der etwas unternimmt, ein Unternehmer, nicht jeder ohne Festanstellung ein Chef ist - das hat sich noch unzureichend herumgesprochen. Diejenigen "Freien", die es "geschafft haben" und etwa im Fernsehbereich fünfstellige Monatshonorare einfahren, niemals mit festangestellten Redakteuren tauschen würden, dienen Vorbehalten gegen "Besserverdienende" gern als Grundlage. Sehr viele freiberufliche Journalisten sind allerdings sehr schlecht bezahlt und dabei oft abhängig von nur einem Auftraggeber - eigentlich sind sie pseudoselbständige Arbeitnehmer dritter Klasse (weil die soziale Absicherung vergleichsweise gering ist).

Viele freiberuflich arbeitende Kollegen sehen sich dennoch "nicht mehr in erster Linie als quasi industriell organisierte und abhängige Angestellte, die in einem natürlichen Interessengegensatz zum Medienkapital stehen", weiß man bei der Hamburger Journalistenfachgruppe der IG Medien. Von deren 1600 Mitgliedern waren 1995 bereits mehr als die Hälfte freiberuflich tätig. "Wenn wir nicht wollen, daß uns diese Kolleginnen und Kollegen für die gewerkschaftliche Arbeit verloren gehen, müssen wir die Inhalte, Projekte und Zielsetzungen unserer Arbeit in weiten Teilen neu bestimmen", hat man in Hamburg erkannt.

Die Konsequenz war der Versuch, aus einer von acht "Fachgruppen" einer Einheitsgewerkschaft einen eigenständig handelnden, dabei gewerkschaftlich orientierten Berufsverband zu machen, bei dem Service für die Mitglieder im Vordergrund steht. Der Ausgang ist offen. Derart "ketzerische" Ideen sorgen aber immer wieder für heftige gewerkschaftsinterne Diskussionen. Tatsache ist: Dienstleistungen haben der Solidarität derzeit den Rang abgelaufen, besonders bei den jüngeren Mitgliedern.

Eine Umfrage vor zwei Jahren ergab bei der Hälfte der Befragten in der IG Medien: "Die Gewerkschaft hat für mich hauptsächlich Service-Funktion." Besonders von freien KollegInnen wird oft die Frage gestellt, was denn, bittschön, eine Mitgliedschaft in der IG Medien überhaupt "bringe"? Beratung, Information und Tarifverträge, kurz: mehr Geld. Und nebenher vielleicht und hoffentlich eine Menge politische Denkanstöße. Damit keine Missverständnisse auftauchen: Ohne gemeinsame Aktionen, ohne Streiks u.ä. wäre eine Gewerkschaft machtlos. Gemeinsames Handeln bildet nach wie vor die wichtigste Grundlage zur Durchsetzung gewerkschaftlicher Ziele. Doch zurück zum Service: <p> Eine gefragte Serviceleistung der IG Medien für ihre freischaffenden Mitglieder ist der mehr als 200seitige Ratgeber Freie voller Tips für die tägliche Berufspraxis, Hinweise auf wichtige Steuervorschriften, Vertragsklauseln und gesetzliche Regelungen. Angeregt wurde die Produktion des Ratgebers von der Bundeskommission Freie. Über dieses Gremium sind Freie fachgruppenübergreifend auch im Hauptvorstand der Gewerkschaft repräsentiert. Beliebt sind auch Seminare für Freie. Sie werden auf Bundes- wie auf Länderebene angeboten. Besonders gefragt: Seminare zu Steuer-, Urheber- oder Verlagsrecht oder zur Sozialversicherung. "Überleben für Freie - Wissenswertes aus dem Bereich Marketing und Medienarbeit" - solche Themen finden regen Zulauf.

Aber auch wenn der "Ratgeber Freie" zu den allermeisten Problemen der freien Medienschaffenden Stellung nimmt - die gewerkschaftliche Rechts- und Berufsberatung kann und soll er nicht ersetzen. In manchen Landesbezirken hat die IG Medien inzwischen telefonische "Sprechstunden" für Freie - "Rat-und-Tat-Telefone" - eingerichtet, um dem gestiegenen Beratungsbedarf besser Rechnung tragen zu können. Erfahrene, teils auch speziell geschulte freie KollegInnen stehen Rede und Antwort. Das Spektrum der Fragen reicht von Honorarproblemen bis hin zu Haftungsunklarheiten bei Unfällen. Sind die Fragen komplizierter, werden sie zuvor per Fax oder auch E-Mail übermittelt, damit sich die antwortenden KollegInnen vorbereiten können. Notfalls wird kurzfristig bei einem Spezialisten nachgefragt.

Die Entscheidung, Beratungsdienste für Freiberufler einzurichten war umstritten und nicht leicht umzusetzen. Auch jetzt noch werden immer wieder "Vollzugsdefizite" beklagt. Immerhin: In Nordrhein-Westfalen werden regelmäßige Beratungstermine seit nunmehr drei Jahren angeboten, und auch in Bayern gibt es bereits längere Erfahrungen. Inzwischen gibt es dort eine eigene Homepage für (bayrische??) Freie JournalistInnen. Wie notwendig diese Beratungsleistung der IG Medien ist läßt sich in den Freien-Sprechstunden leicht feststellen: Künstlersozialkasse (KSK)? Unbekannt. Dabei konnte mit der KSK nach hartnäckigem gewerkschaftlichen Drängen eine bundesweite Pflichtversicherung für freie künstlerische Berufe durchgesetzt werden, die eine Art "Arbeitgeberanteil" für den Renten- und Krankenkassenbeitrag übernimmt.

Viele Fragen der freiberuflichen Gewerkschaftsmitglieder verlangen eine schnelle Klärung. Hier helfen Hauptamtliche weiter. Bis zu fünf freie KollegInnen läuten täglich allein beim geschäftsführenden Landesbezirksvorstand der IG Medien in Baden-Württemberg an.

"Wir müssen uns immer so verhalten, daß die Geschäftsbeziehung mit dem Verlag weiterläuft", lautet ein Freien-Credo. Es macht gewerkschaftliche Arbeit nicht einfacher. Versuchen Freie, ihre Rechte durchzusetzen, stehen sie schneller als Festangestellte vor dem Problem, sich einen anderen Arbeit- bzw. Auftraggeber suchen zu müssen. "Wer da mitgemacht hat, bekommt kein Volontariat" - diese Aussage eines süddeutschen Lokalzeitungsverlegers nach einer Aktion der Freien gegen Honorarkürzungen kann als symptomatisch gelten. Freie sind "Rangiermasse der Verleger", werden "als billige Reservearmee benutzt", klagen hessische Journalisten. Eine Armee freilich ist in der Regel organisiert - und genau daran hapert es in der Regel bei den Freien. Es gibt zwar hie und da Freien-Stammtische wie in Köln, oft allerdings nur gewisse Zeit, dann schläft das Interesse wieder ein. "Von oben" ist Freienarbeit nicht zu etablieren, diese Erfahrung der Münchner Fachgruppe bei der Einrichtung eines Stammtischs ist übertragbar. Die Initiative muß von den Freien selbst kommen und das geschieht auch - oft allerdings erst, wenn es richtig "brennt".

Betriebsräte sind beim Thema "Freie" oft (noch?) wenig hilfreich. Bereits mit den Problemen der Festangestellten mehr als genug ausgelastet kümmern sie sich bestenfalls auf Anfrage um Freien-Fragen. Oft wissen sie nicht einmal, daß sie für die freiberuflichen KollegInnen zumindest in soweit zuständig sind, wie es um die Einhaltung von Tarifverträgen im Betrieb geht. Solche Tarifverträge für Selbständige gibt es beispielsweise für "arbeitnehmerähnliche" Personen beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk, im Bereich der Design-Studios oder bei Tageszeitungen. Arbeitnehmerähnlich, das bedeutet zwar selbständig sein, gleichzeitig aber abhängig von einem einzigen Arbeitgeber und somit "sozial schutzbedürftig" zu sein. Damit ist - trotz Selbständigkeit - eine Voraussetzung für einen Tarifvertrag erfüllt, wie er etwa für "arbeitnehmerähnliche Journalistinnen und Journalisten an Tageszeitungen" existiert.

Als sehr hilfreich empfanden viele freie KollegInnen die Ergebnisse von Honorarumfragen der IG Medien. Damit waren zumindest Anhaltspunkte gegeben, wieviel Honorar verschiedene Tageszeitungen quer durch die Republik zahlen, ein gegenseitiges Unterbieten der Freien wird damit schwieriger. Ähnliches gibt es auch für Fotohonorare. Ebenfalls nützlich: die Honorarempfehlung Text für freie journalistische Arbeit", herausgegeben von der "Mittelstandsvereinigung Journalismus". Sie soll hauptberuflichen JournalistInnen als Orientierung bei Vertragsverhandlungen und Honorierung dienen. Die Mittelstandsvereinigung wurde 1995 gegründet, weil sich Selbständige nur unter bestimmten Bedingungen gewerkschaftlich organisieren dürfen. Innerhalb der IG Medien wird deshalb teils bereits gefordert, die gesetzlichen Grundlagen zu ändern und den Arbeitnehmerbegriff zu erweitern. Axel Weiß


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